Dorfhexe
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Die Landstrasse
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Aus dem Dorf führt eine Landstrasse heraus, die sich wie ein glänzendes Band durch die Landschaft windet. Man kann sich ihr zu jeder Tages- und Nachtzeit anvertrauen. Doch der magische Zeitpunkt ist die Abenddämmerung, wenn sich das Licht golden verfärbt und die ersten Sterne am indigofarbenen Himmel erscheinen. Es kommt der Moment, in dem Himmel und Erde miteinander zu verschmelzen scheinen, wenn sich Grenzen auflösen und wir eintauchen ins Ganze. Erst in diesem Augenblick erfasst man die Umgebung mit ganzem Bewusstsein. Die Gräser am Wegesrand scheinen im Abendhauch zu tanzen und wenn du mit den Fingern durch die Pfefferminze streichst, dann nimmst du ihren Duft mit hinein in die Nacht. Grillen zirpen ihre Abendsymphonie und begleiten den Ruf der entfernten Eule, die im Zwielicht eben erwacht. Die Luft ist erfüllt von intensiven, erdigen Gerüchen. Dem Duft nach feuchter Erde, der sich mit dem süssen Aroma der Blumen vermischt, die sich erst zur Nacht öffnen. Jede Blume ist eine kleine Farbexplosion, die dem Feuerwerk auf einem Dorffest im Mittsommer gleicht. Am Rand dieser Strasse, die die Seele für Wunder öffnet, stösst man vielleicht auf freistehendes einzelnes Gehöft, dessen Gartenpforte mit Efeu überwachsen ist und dass seine Geheimnisse vor den Blicken der Reisenden verbirgt. Es ist das Haus der Dorfhexe. Sie bewahrt das Wissen der ländlichen Gegend in den nie endenden Tänzen der zyklischen Natur, in den üppig wachsenden Pflanzen, in den von fruchtbarer Erde verborgenen Geheimnissen und lässt es einfliessen in ihre Heilmittel, Sirupe und Gläser voller Kräuter und Wurzeln. Die Dorfhexe mit ihrem durchdringenden Blick und ihren weisen Händen ist das lebendige Glied zwischen der Menschheit und der alten Weisheit der Erde.
Die Landstrasse lockt dich und lädt dich ein,
ein wildes Land zu betreten.
Folge dem nächtlichen Gesang der Insekten und halte inne
im violetten Atemhauch des Himmels,
der das Aufgehen des Mondes ankündigt.
Die Dorfhexe
Die von der Dorfhexe beschworene Symbolik reicht zurück in Vorzeiten, in denen das Wissen um Kräuter und natürliche Heilmittel entscheidend für das Überleben in ländlichen Gemeinschaften war.
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Dorfhexen betrachtete man als die Bewahrerinnen überlieferter Weisheit und von bedeutenden, von einer Generation an die nächste weitergegebenen Heilrezepten und Wahrsagepraktiken.
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Durch ihr fundiertes Wissen über Pflanzeneigenschaften, Rituale und Mondphasen ist es ihnen möglich, Krankheiten zu heilen, Schmerzen zu lindern und das Wohlergehen von Menschen zu fördern.
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In vielen Märchen kommen Dorfhexen vor, die sich im Wald versammeln, im Mondlicht tanzen und Zaubertränke zubereiten. Man glaubte, dass diese Frauen Gestaltwandlerinnen seien, dass sie mit Tiergeistern kommunizieren und fähig seien, die Grenzen zur materiellen Welt zu überschreiten.
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Vor allem aber ist die Dorfhexe eine Kräuterexpertin. Ob es sich um wilde oder kultivierte Pflanzen, um medizinische oder essbare handelt, sie kennt sie und weiss, wo sie sie findet. Sie wertschätzt die Reichtümer, die uns auf allen Seiten umgeben.
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Fast immer besitzt die Dorfhexe einen Gemüsegarten und auch der entfaltet magische Wirkung. Er gestattet er ihr, mit der Magie der kleinen Dinge, die darin gemäss ihrem eigenen Lebenskreislauf gedeihen, Verbindung aufzunehmen.
Wie die Königin der Münzen im Tarot ist die Hexe immer und für alles offen. Sie heilt Kranke, indem sie sich Volkspraktiken zunutze macht. So war es bei Hexen in den toskanischen Bergen üblich, Ängste mit Aufrechtem Ziest zu vertreiben. Die Wildpflanze wird in verschiedenen Volkssagen wegen ihrer beruhigenden Eigenschaften erwähnt, die Ängste und Befürchtungen mildern. In der Praxis stellt man einen Aufguss aus den Blättern oder Blüten des Gewächses her. Das Kraut wird in einen Topf mit Wasser übergossen und zum Kochen gebracht und nach dem Abkühlen genutzt, um die Ängste der Betroffenen abzuwaschen.
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Doch das Wissen der Dorfhexe geht über einfache Kräuterkunde hinaus. Es ist subtil und hat seinen Ursprung in ihrer Fähigkeit, den Pflanzen zuzuhören. Pflanzen sind ihre Freunde und der Garten ist ihr bevorzugter Ort für Zauber und Magie.
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Man kann sie dabei beobachten, wie sie Kupferglöckchen an Tomatenpflanzen befestigt, damit sie besser wachsen oder wie sie mit den Maiglöckchen, die neben dem Eingang zu ihrem Haus wachsen, Tee trinkt. Ihre besondere Gabe ist die Einfachheit.
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Sie wartet auf dich,
auf der Eingangstreffe ihres Hauses sitzend,
mit einer Tasse Zitronenmelissentee in den Händen dem Zirpen der Grillen lauschend, erfüllt von Dankbarkeit für die Fülle des Lebens.